Begriffsbestimmung Marinemalerei

Beschäftigt man sich mit der Geschichte der Schifffahrt kommt man nicht umhin deren Dokumentation in den verschiedensten Formen auszuwerten. Die wichtigsten und aussagekräftigsten Quellen sind dabei zweifellos die Gemälde die uns aus vergangenen Zeiten überliefert sind. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts gingen mit dem allmählichen Aufstieg der holländischen Seemacht auch die Anfänge der Marinemalerei einher. Zwar hatte man schon von jeher Wasserfahrzeuge dargestellt. Doch im Gegensatz zu Früher, als dies zumeist im Zusammenhang mit religiösen Themen geschah, begannen nun Künstler wie Hendrick Cornelis Vroom (1566-1640) oder Cornelis Claesz van Wieringen (1580-1633), explizit Erlebnisse auf See oder an den Küsten, als Hauptmotive in ihre Arbeiten mit einzubeziehen. Seit dieser Zeit entwickelte sich parallel zur europäischen Hochseeschifffahrt, auch die Marinemalerei kontinuierlich weiter. Sie erlebte eine erste Blütezeit mit den beiden Van de Veldes zum Ende des 17. Jahrhunderts und vermochte uns, über die nächsten 200 bis 230 Jahre, hinaus, zahllose Zeugnisse der Seefahrtsgeschichte zu hinterlassen. Natürlich geschah dies häufig unter dem Einfluss jeweiliger Auftraggeber, denn auch die Künstler der Vergangenheit mussten, zumindest soweit wie sie mit ihrem Schaffen ihren Lebensunterhalt erwirtschaften mussten, sich den zeitlichen und regionalen Bedingungen unterwerfen oder den Vorgaben der Auftraggeber. Naturgemäß nahm die Marinemalerei dabei gerade in den großen Seefahrtsnationen eine erfolgreiche Entwicklung. Nach den Holländern, traten hier Engländer, Franzosen, Dänen, und Amerikaner auf den Plan. Aber auch vereinzelt Namen aus Schweden, Russland und Italien haben einen wertvollen Anteil an den Werken der historischen Marinemalerei. 
Bild rechts:
Gemäldemotiv in Anlehnung an die Blütezeit der holländischen Marinemalerei des 17. Jh.
Olaf Rahardt, Öl, 14 x 19 cm
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Modell einer holländischen Galeone. Modelle dieser Art nutze ich gerne beim Anfertigen historischer Gemälde. Sie dienen gut als Hilfsmittel zum Bestimmen von Perspektiven. Dabei spielt es keine Rolle welches konkrete Schiff damit dargestellt ist. Innerhalb einer Epoche waren Dimensionen und Größenverhältnisse im europäischen Schiffbau vergleichbar.

Die Anfänge der "Seemalerei"  in Deutschland
Da Deutschland über Jahrhunderte hinweg nie zu einem einheitlichen Staatengebilde wachsen konnte und sich somit auch keine machtvolle, nationale Schifffahrt entwickeln konnte, war auch der Bedarf und die Zahl möglicher Auftraggeber gering. Abgesehen von wenigen Ausnahmen, wie beispielsweise Jakob Philipp Hackert (1737-1807), der für die russische Zarin Katharina die Große eine 12 Bilder umfassende Serie der Seeschlacht von Tschesme, 1770 anfertigte, gingen diese Entwicklungen eines speziellen maritimen Sujets in der Malerei, an Deutschland vorüber.
 
Erst als in der ersten Hälfte des 19. Jh. einige Maler dieses Thema für sich entdeckten und unter dänischem Einfluss damals so genannte Seestücke fertigten, kann man auch bei uns eine kontinuierliche Entwicklung verfolgen. Bezeichnenderweise ging diese aber nicht von der Küste, sondern vielmehr vom Binnenland aus, wo sich in Düsseldorf, Berlin, Karlsruhe, Hamburg und Dresden Künstler zusammenfanden die sich unter fachkundiger Anleitung in den jeweiligen Schulen diesem Thema widmeten. Der Maler Andreas Achenbach (1815-1910) ist einer der bekanntesten aus dieser Zeit, der einige der beeindruckendsten Darstellungen von See und Küste schuf. Neben Eschke, Hünten und Kallmorgen ließen sich noch viele weitere aus dieser Zeit nennen.
Bild rechts:
Andreas Achenbach
"Der Leuchtturm von Ostende"
Museum der bildenden Künste
Leipzig
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Mit der Thronbesteigung Kaiser Wilhelms II. 1888 begannen sprichwörtlich „goldige Zeiten“ für damalige Maler. Wilhelm II., selbst nicht nur marinebegeistert sondern gleichsam auch Zeichner vieler Schiffsdarstellungen, verhalf der Marinemalerei in Deutschland zu ernsthafter Bedeutung. Diese Epoche führte letztendlich auch dazu, dass sich im deutschen Sprachgebrauch für maritime Gemälde eine eigene Begriffsbestimmung herausbildete, die sie nun vollends von der Landschaftsmalerei ausgliederte. Mit dem damals zeitgleich aufkommenden Begriff der Marinemalerei verbindet man oft nur die Darstellung von Marine, also Kampfschiffe, lässt aber vollkommen unbeachtet, dass Marinemalerei sämtliche Bereiche der bildlichen Wiedergabe von See, Küste, Schiffbau und Schifffahrt umfasst.
 
Maler wie Carl-Wilhelm Hugo Schnars-Alquist (1855-1939) oder Johannes Holst (1880-1965) waren die besten Maler von Wind und See, konzentrierten sich aber bei ihren Motiven auf die zivile Schifffahrt und gehören trotzdem zu den Marinemalern.
 
Dank der technischen Entwicklung begann mit der Kaiserzeit auch die massenhafte Reproduktion von Gemälden. Ab da an fand man selbst in den Stuben der Bevölkerung nicht mehr nur die althergebrachten und häufig als Trivialkunst angesehenen Kapitänsbilder, sondern vermehrt auch Darstellungen die die erstarkte Seemacht des Kaiserreiches dokumentierte.
 

Kapitänsbilder
Ein Spezialgebiet davon, stellen die vorab erwähnten Kapitänsbilder dar. Der Name ist darauf zurückzuführen, dass sie meist im Auftrag der Kapitäne oder Schiffseigner angefertigt wurden. Losgelöst von der Entwicklung der akademischen Marinemalerei, war es verbreitete Mode, Schiffe zu denen besondere Beziehungen bestanden, im Portrait darstellen zu lassen. Dabei entwickelten sich im Laufe der Zeit auch ganz spezielle Darstellungsweisen die wir heute  als typisch für diese Kapitänsbilder kennen. Oft wurde dabei in vorgefertigte, gemalte Szenerien das jeweilige Schiff zu aller letzt hinzugefügt. Um dieses Schiff nun für den Auftraggeber erkennbar zu machen, blickt man dabei häufig von Lee auf das unter vollen Segeln zum Betrachter hin krängende Schiff. Gelegentlich kam diese Absicht noch dadurch verstärkt zum Ausdruck, dass im Bildhintergrund dasselbe Schiff in achterlicher Ansicht zu sehen war. Solche Gemälde wurden weltweit in vielen großen Seehäfen angeboten und sind daher auch heute noch zahlreich in verschiedenster Qualität zu finden.
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Kapitänsbild der
Brigg "VENUS"

Gemälde Deutsches
Schifffahrtsmuseum
Bremerhaven

larkspur-skl.jpg  Kapitänsbild der englischen 
Bark "LARKSPUR, 1868"
Sunderland, Kpt. H. Morgan

Gemälde: Olaf Rahardt, Öl

Marinemalerei unter Wilhelm II.
So wie sich die Marinemalerei im Deutschen Kaiserreich entwickelt hat, lässt sie sich bis in die Gegenwart verfolgen. Allerdings gab es hierzulande, trotz allem kaiserlichen Protege, keine so umfassende Unterstützung und Ausbildung spezieller Marinemaler wie es zum Beispiel in Frankreich und England praktiziert wurde und das auch heute noch teilweise in deren Flotten der Fall ist. Um die Jahrhundertwende gab es im Kaiserreich etwa 26 nennenswerte Maler die mehr oder weniger viele maritime Motive auf die Leinwand brachten und sich aufgrund ihrer abgelieferten Arbeiten gerechtfertigterweise auch als „Marinemaler“ bezeichnen durften. Nur einigen wenigen aber war es vergönnt aus der Masse hervorzutreten und Aufträge von Kaiser, Marine und Industrie zu erlangen. Die besten und bekanntesten unter diesen waren zweifellos Carl Salzmann (1847-1923), Hans Bohrdt (1857-1945), Willy Stöwer (1864-1931), und Claus Bergen (1885-1964). Andere, wie Zeno Diemer (1867-1939), Lüder Arenhold (1854-1915), Alexander Kircher (1867- nach 1939) oder Felix Schwormstädt (1870-1938) sind uns heute durch ihre umfangreichen Illustrationen bekannt. Einige Andere hinterließen zwar auch einen umfangreichen Nachlass maritimer Kunst, hatten aber nie das Glück und den Erfolg, sowohl in höchsten Kreisen als auch in der breiten Öffentlichkeit bekannt zu sein. Salzmann, Stöwer und Bohrdt – das so genannte „Dreigestirn“- begleiteten Wilhelm II. auf zahlreichen Auslandreisen um diese in Gemälden zu dokumentieren.
 
Um die Notwendigkeit einer starken Flottenrüstung auch bis in die letzten Landesteile publik zu machen, wurden Marinegemälde in großen Stückzahlen reproduziert und selbst für den „Kleinen Mann“ erschwinglich, angeboten. Die propagandistische Auswertung der Ereignisse des Ersten Weltkrieges führte dann zu einer immensen Popularität und Vielfalt maritimer Darstellungen.
Bild rechts:
"Das westafrikanische Geschwader passiert die Molenköpfe von Wilhelmshaven."
Nach einem Original von
Carl Saltzmann, 1894
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Bild links:
"Kanonenboot ILTIS im Gefecht mit den Taku-Forts"
Nach einem Original von Willy Stöwer
 

Bild rechts: "Skagerrakschlacht 1916"

Druck nach einem Original von Claus Bergen.

Skagerrak-kl

Nach dem Ersten Weltkrieg
Mit dem Ende des Kaiserreiches und dem einhergehenden Ruin der deutschen Marine und Seewirtschaft erlebte auch die Deutsche Marinemalerei einen herben Einbruch. Es fehlte nicht nur an Motiven und Motivation, sondern vielmehr an der Kaufkraft im Land. Bekannte Namen der Kaiserzeit wurden in den 30-er Jahren allmählich ergänzt durch eine neue Generation von maritim orientierten Malern. Robert Schmidt-Hamburg (1885-1963) Adolf Bock (1890-1968), und Walter Zeeden hatten hier erfolgreiche Zeiten.
 
Wie schon der Erste Weltkrieg führte dann auch der Zweite zu einem herben Einschnitt für die Marinemalerei. Im Gegensatz zu den 20-er und 30-er Jahren stellte sich die wirtschaftliche Gesamtsituation nach 1945 aber weitaus schlechter dar. Außerdem hatte sich schon im Krieg die Fotografie zu einem ernsthaften Konkurrenten der Malerei entwickelt und mit der technischen Verbesserung der Fotoapparate in den Folgejahren eine weite Verbreitung gefunden. Das Neue faszinierte die Menschen und darüber hinaus waren diese Bilder nun für weitaus weniger Geld zu bekommen als aufwendig angefertigte, gemalte Einzelstücke.
 

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Gegenwart
Bis auf wenige Enthusiasten ist die Marinemalerei über Jahrzehnte in Deutschland fast in Vergessenheit geraten. Wolfgang Strobel (1915-1978), Hans-Wilhelm Spitzmann (1920-1989), Hans Peter Jürgens (1924-), Karl Heinz Schrader (1925-) oder Gerhardt Geidel (1925-2011) betrieben die Malerei meist neben einem Hauptberuf. Nun aber, wo die Fotografie einen solchen Stand hat, dass nahezu schon jeder im Handy eine Kamera hat und die Flut der Farbfotos allgegenwärtig ist, besinnt man sich zunehmend auf die hohen künstlerischen Qualitätsmerkmale der Schwarz-Weiß-Fotografie und des von Künstlerhand geschaffenen Gemäldes als Einzelstücke zurück. Davon profitiert nun auch in Deutschland wieder ein kleiner Kreis von Künstlern der sich der Marinemalerei verschrieben hat. Seit 1985 wird im Rahmen der Hamburger Bootsmesse die „art maritim“ durchgeführt, die neben erlesenen Schaustücken maritimer Museen und der Sammlung Peter Tamm auch eine gemeinsame Ausstellung maritimer Maler präsentiert. Hier wird die gesamte Vielgestaltigkeit dieses Themas in der Gegenwartskunst in hervorragender Weise veranschaulicht.
 

Betrachtet man nun die historische Entwicklung, ist klar, dass die Marinemalerei heute in keinster Weise mehr mit deren Hochphase unter Wilhelm II. vergleichbar ist. Damals stellte sie ein wichtiges Mittel zur Popularisierung des Marinewesens dar. Dafür stehen heute außerdem, vielfältige, andere Mittel zur Verfügung. Die Bedeutung der Marinemalerei ist heute eher darin zu finden, das maritime Geschehen mit anderen Mitteln wiederzugeben als es die Fotografie vermag. Das muss sich nicht zwangsläufig nur auf Motive der Gegenwart beschränken. Unter Ausnutzung unseres heutigen Wissensstandes und Forschungsmöglichkeiten hat die Marinemalerei auch im historischen Bereich ihre Daseinsberechtigung. So lassen sich zum Beispiel, historische Ereignisse rekonstruieren und auf die Leinwand bringen, die für den zeitgenössischen Künstler politische oder wirtschaftliche Probleme bedeuten konnten.
pa-pk

Bild links:
"PAMIR" , Olaf Rahardt, Öl auf Leinen
Gemälde der PAMIR zählten beispielsweise zu solchen, zeitweise unattraktiven Motiven. 1957 war die als Schulschiff eingesetzte Viermastbark in einem Sturm mit 80 meist jungen Seeleuten gesunken. Ein Schock ging durch das ganze Land und das Entsetzen über diesen Verlust wollte man nicht noch durch Gemälde in Erinnerung halten.

Solche Arbeitsweisen stellen allerdings auch hohe Ansprüche an die, sie praktizierenden Künstler. Es ist daher höchst bedauerlich, dass der Begriff „Marinemaler“ keinem Schutz unterliegt und somit von jedermann nach Gutdünken Verwendung finden kann. Somit obliegt es nun ausschließlich dem Betrachter eine Einschätzung zu treffen, ob sich der Schöpfer eines Werkes Marinemaler nennen darf, oder ob er besser darauf verzichten sollte. Denn die Gemälde selbst reflektieren die Qualifikation ihres Schöpfers am allerbesten.
 
Marinemalerei, das bedeutet nicht nur über die Fähigkeit zu verfügen mit Pinsel und Farbe mal eben, unter anderem auch mal ein Schiff darzustellen. Vielmehr erfordert Marinemalerei neben handwerklicher Versiertheit im Umgang mit Mal- und Zeichenmitteln auch umfangreiches Wissen über Schifffahrts- und Schiffbaugeschichte vor dem jeweiligen politischen und regionalen Hintergrund. Am Wichtigsten aber sind der Blick und das Gespür für Wetter, Wind und See! Wie sich Schiffe im Seegang verhalten und wie Wasser zu „leben“ beginnt. Einem guten Marinegemälde oder Seestück, sieht man es an, ob der Maler mit ganzer Leidenschaftlichkeit den Pinsel führte ! Diese Fähigkeiten vermag keine Universität zu vermitteln, sondern sie beruhen auf Gefühl, jahrelanger Erfahrung und unermüdlichem Üben. Es ist daher nicht verwunderlich, dass früher und auch heute, viele der wirklichen Marinemaler nicht aus akademischen Kreisen, sondern aus maritimen Berufen kommen, oder zumindest auf eigene seemännische Praxis zurückblicken können. 
 
                                 
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                                Seestück, Olaf Rahardt

 Veröffentlicht in Köhlers Flottenkalender 2009. Seiten 162 - 167